Resilienz

“Beurteile mich nicht nach meinem Erfolg. Beurteile mich danach, wie oft ich hingefallen und wieder aufgestanden bin.”

Nelson Mandela

 

 

 

“Zuhause sein” ist ein Gefühl.

Manchmal finden Sie in meinen Texten Redewendungen, die merkwürdig anmuten. So etwas wie: “bei sich selbst ankommen”, “sich mit sich selbst verbinden” oder “bei sich selbst zuhause sein”.

Ich meine mit diesen Redewendungen nicht das Zuhause in Form einer Wohnung, sondern das Zuhause im eigenen Inneren. Ebenso, wie das äußere Zuhause können wir das innere Zuhause gestalten. Und zwar so, dass wir uns dort wohlfühlen, dass es uns dort gut geht, wir uns angenommen und aufgehoben fühlen.

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Wo bin ich denn, wenn ich nicht zuhause in mir bin?

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Es gibt Hotels, die werben mit dem Slogan: Zuhause sein ist ein Gefühl. Und genau so ist es.

Können Sie sich noch erinnern, wie Sie als Kind nach Hause gekommen sind. Wirklich nach Hause. Wie Sie die Wohnung betreten haben? Wer Sie empfangen hat? Stand warmes, leckeres Essen auf dem Tisch? Gab es freundliche Worte? Eine Umarmung? Wie war die Atmosphäre dort? Wie war das Miteinander dort? Gab es mehr Wertschätzung oder mehr Abwertung? Haben Sie sich aufgehoben gefühlt? Ist es Ihnen dort gut ergangen? Oder haben Sie sich häufiger gewünscht an einem anderen Ort zu sein?

All diese Erfahrungen, besonders das Erleben von Atmosphären, prägen unser Gefühl von unserem inneren Zuhause.

Und nun frage ich: Wie empfangen Sie sich heute selbst? Wie sprechen Sie mit sich? Was denken Sie von sich, wenn es Ihnen einmal schlecht geht? Was wenn Sie nicht die erwartete Leistung erbringen können? Was denken Sie über sich, wenn Sie erkrankt sind? Und wie ist heute das Verhältnis zwischen Kritik, Abwertung und Wertschätzung oder Ermunterung in Ihren inneren Gesprächen mit sich selbst?

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Manchmal ist es Zeit zu Renovieren.

Neue Tapeten, ein schönes weiches Kuschelsofa und frische Blumen müssen her.

Und tatsächlich gilt dies auch für unser inneres Zuhause.

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Renovieren heißt für unser inneres Zuhause, freundlich zu schauen, wo es anders werden darf. Wo das Alte nicht mehr passt. Um dann ganz bewusst zu schauen, wie es jetzt werden darf? Wie darf – Ihr inneres Zuhause – werden, damit Sie sich wohl fühlen können an diesem Ort. In Ihrem eigenen Reich.

Wenn wir uns als Kinder zuhause wohl fühlen konnten haben wir immer wieder ein Gefühl von Sicherheit erlebt. Dieses innere Gefühl ist der Gegenspieler zu unserem Stresserleben. Wertschätzung, Anerkennung, guter Zuspruch, Einfühlung und Wohlwollen sind die regulierenden Wirkstoffe gegen zu hohen Stress und für das Gefühl von Sicherheit.

Dieses Gefühl von Sicherheit macht sich auch körperlich bemerkbar. Man könnte es mit Wohlbefinden oder Wohlgefühl beschreiben. Wir atmen tiefer, die Gedanken beruhigen sich, wir spüren und fühlen uns, müssen nicht mehr so wachsam sein, unser Herz weitet sich.

Sicherheit wirkt auf unsere Psychologie und auf unsere Physiologie. Sofort.

Es ist genau dieses Gefühl von Sicherheit, was uns das Gefühl von zuhause ermöglicht. Zu hoher Stress verhindert das Gefühl von nach Hause kommen. Im Äußeren und im Inneren.

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Wo bin ich denn, wenn ich nicht zuhause bin?

Ich stehe neben mir. Funktioniere, spüre und fühle wenig.

An Wohlgefühl ist nicht zu denken.

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Vielleicht kennen Sie auch diese inneren Zustände.

Dies sind meist Zustände von hohem Stress. Und dieser führt dazu, dass wir uns alles andere als wohl und zuhause fühlen können. Und vielleicht ist es gut zu wissen, dass wir unseren Stress immens verstärken können durch Selbstkritik, Vorwürfe, oder Herabsetzungen.

Das ist das Gegenteil von Zuhause sein. An diesem inneren Ort haben wir wenig Möglichkeit zur Ruhe zu finden.

Wenn wir die Möglichkeit hatten zu lernen, wie wir unseren Stress, wie wir die äußeren Herausforderungen im eigenen Inneren beruhigen können, ist das ein großes Geschenk.

Aber nicht alle von uns konnten genau das als Kinder erleben und lernen.

Das innere Erleben von “Zuhause sein” ist ein Lebensgeschenk, weil es uns Regeneration, Auftanken und Gesundung ermöglicht.

Wir können dann inmitten von äußerem Stress zu diesem inneren Ort “flüchten”, ihn aufsuchen und zur Ruhe kommen. Dieser innere Ort ist ein Ort, an dem wir unsere eigene Medizin finden und anwenden können.

Neurobiologisch befinden wir uns in einem Zustand, in dem alle Hirnteile zusammenarbeiten können. Das lymbische System(emotionales Gehirn) ist ruhig und meldet unserem Körper das Gefühl von Sichherheit, was dazu führt dass wir uns entspannen können, das unser Atem langsam ein- und ausströmt und unser Herz gleichmäßig schlägt. Das Gefühl von Sicherheit führt dazu, dass das emotionale Hirn und der frontale Cortex, in dem all unsere Ressourcen bereit liegen, gut zusammenarbeiten können. Außerdem ist der Vagus (Ruhe- oder Selbstheilungsnerv) aktiviert.

Genau dieses Gefühl von Sicherheit ist das Gefühl, das wir fühlen, wenn wir sagen, wir sind “bei uns zu Hause ankommen”. Weil wir da sein können, mit allem was ist. Weil wir aufgehoben und willkommen fühlen.

Zuhause sein gehört zum Leben, zu Funktionieren gehört zum Leben. Das Maß entscheidet.

Das Schöne ist, wenn wir nicht gelernt haben uns in die Ruhe zu führen, wenn wir uns kein wohlwollendes inneres Zuhause einrichten konnten – können wir es jetzt lernen, können wir es jetzt tun. Für uns selbst, für unsere Kinder, für ein gelingendes und friedliches Miteinander.

Weil ich es mir wert bin. Wertschätzung.

Das Leben scheint immer schneller zu werden, Zeit wird knapp und Stress im Miteinander nimmt zu. Gerade wieder, wenn die Inzidenz, so wie im Moment, ansteigt.

Es macht uns Stress, weil wir uns bedroht fühlen. Da können wir mit guten Argumenten kommen, unser Nervensystem sieht das anders und führt uns schon mal vorab in Kampf- und Fluchtreaktionen. Dazu braucht es Adrenalin und da haben wir ihn, den Stress.

Etwas ganz wichtiges scheint uns dann im Miteinander abhanden zu kommen, die Wertschätzung. Schauen wir ins Fernsehen, schauen wir ins Internet so sind Beschämungen, Entwürdigungen und Respektlosigkeiten an der Tagesordnung.

Aber nicht nur da, fern ab von uns. Sondern auch mitten unter uns, zwischen den Nachbarn, den Kindern, den Eltern, im Team, im Patienten-Arzt Gespräch oder im Gespräch mit der Schulleitung.

Es wird Zeit zum Handeln, zum Bekennen und zum Benennen!

Anfangen können wir nur bei uns selbst. Üben wir uns selbst in der Achtsamkeit und der Stressregulierung öffnet sich die Tür zur  Wertschätzung.

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Wertschätzung wirkt Wunder.

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Wertschätzung gelingt nur im beruhigten Zustand.

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Wertschätzung braucht unser reguliertes Nervensystem. Steigender Stress führt uns über vermehrtes Adrenalin in Kampf-Fluchtreaktionen. Wer sich also um Wertschätzung bemühen möchte, tut gut daran seine Stressregulierung im Auge zu haben.

Auf dieser Basis entwickelt sich der “innere Kompass”, der Wertschätzungs- oder Würdekompass (Udo Baer, G. Frick Baer), der uns anzeigt, wann Entwertung oder Entwürdigung auf den Plan tritt.

Mit ihm werden wir wieder hellhörig und feinfühlig. Erlauben wir uns das.

Und manchmal ist das Spüren von Entwertung auch gar nicht so einfach. Wenn wir beginnen uns für Entwertungen im Miteinander zu öffnen, heißt das auch, wir beginnen uns selbst auch wieder zu spüren. Die Tür zu unseren alten, eigenen Entwertungs- und Entwürdigungsverletzungen beginnt sich zu öffnen.

Wir bemerken, wir sind auch verletzt worden und noch schlimmer, wir sind immer noch verletzbar. Und das schmerzt. Das will versorgt werden. Mit Achtsamkeit, mit Würdigung, mit Liebe. So lange bis es letztendlich heilen kann.

Und dieser Heilungsprozess kann sich lohnen. Für uns selbst und für das Miteinander.

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Häufig entwickelt sich aus der Anerkennung der eigenen Verletzlichkeit,

die Wertschätzung für sich selbst.

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Wenn wir die Auswirkungen von Entwürdigungen und Beschämungen erlebt und erkannt haben, weitet sich unser Blick. Und oftmals wird er milde.

Wir können auf einmal spüren, dass Entwürdigungen und Beschämungen nicht nur ein belangloses Verhalten sind, nicht nur unachtsame Sätze. Wir können jetzt spüren, dass genau diese Sätze etwas mit Macht und Ohmacht zu tun haben.

Und dass sie wirken. Sie wirken. Oftmals über viele Jahre.

Sie kränken und können uns letztlich tatsächlich an Körper und Seele krank machen. Und sie entfernen uns von dem Gefühl der Verbundenheit. Sie lassen uns einsam werden. Wer sind wir schon?

Hilfreich auf dem Weg, Entwürdigungen und Beschämungen zu entdecken, ist die eigene Achtsamkeit. Sie ermöglicht uns das Innehalten und das Spüren.

Wenn wir Entwürdigungen benennen wollen, brauchen wir eine gehörige Portion Mut. Den wünsche ich uns allen. Fassen wir uns ein Herz und beginnen wir. Freundlich und aufrichtig. Hier ist eine Grenze!

Und im freundlichen und klaren Benennen richten wir uns selbst auf. Mit dem “Wertschätzungs-Kompass” als Rückenstärkung.

Schützen und stärken wir uns und unser Miteinander.

Glimmer auf der Bergwiese

Unvorstellbare Weite vor mir, das Geläute der Kuhglocken, das Schreien der Greifvögel, die Sonne am Himmel, ein warmes Lüftchen auf meiner Haut und frische Bergluft in meiner Nase.

Ich halte an, an diesem Ort und genieße. Verweile eine ganze Zeit an diesem wunderbaren Ort. An dieser wunderbaren Bergwiese.

Warum erzähl ich Ihnen jetzt von meinen Urlaubserfahrungen?

Weil es so ein schönes Beispiel für die Arbeit unseres Nervensystems ist. Inmitten dieser Landschaft, konnte ich spüren, wie mein Nervensystem arbeitet.

Es hat entschieden, hier ist es sicher. Hier beginnt Erholung. Hier an diesem Ort brauchen wir die Schutzmechanismen “Kampf und Flucht” gerade mal nicht.

Deb Dana, eine amerikanische Psychotherapeutin beschreibt diese Auslöser für das “Runterfahren” in den Vagus Bereich (beruhigender Teil des Nervensystems) als “Glimmer”.

Ich finde das ist ein wunderbares Wort für einen “Auslöser”, der uns in einen beruhigten Nervensystemzustand führt, der uns allen gut tut. Als Gegensatz dazu nennt sie die “Trigger”, also Auslöser, die uns in die Hocherregung oder in die Erstarrung führen.

Bleiben wir bei den “Glimmern”, weil sie noch wenig Beachtung finden. Der Begriff “Trigger” ist dagegen fast jedem bekannt.

Jetzt haben wir ja mitten im Alltagsgeschäft nicht überall eine Bergwiese. Einige vielleicht doch :). Aber die meisten eher nicht. Wie kommen wir also an mehr “Glimmer”, der uns beruhigt?

Dieser beruhigte Zustand unseres Nervensystems (ventraler Vagus Bereich) ist ein Zustand der Präsenz. Wir sind offen für uns und für Begegnungen. Wir können auftanken und uns erholen, weil es in diesem Nervensystemzustand nur einen geringen Grad an Anspannung braucht.

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Und Anspannung verbraucht unsere Energie.

Wenig Anspannung – viel Energie. Hohe Anspannung – wenig Energie.

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Was könnte Ihr “Glimmer” im Arbeitsalltag sein? Was beruhigt Sie relativ sofort? Was erlaubt Ihnen in die Präsenz zu kommen? Oder, die noch ungewohnte Frage, was mag ihr Nervensystem gern? Wobei kann es sich beruhigen?

Den Zustand, den uns der “Glimmer” schenkt, können wir vertiefen. Wir können in diesem Zustand verweilen, ihn wirklich mit allen Sinnen genießen und dabei bleiben. Die Kunst des Genießens – Savoring.

Neurobiologisch führt die Kunst des Genießens dem ventralen Vagus Energie zu. Bemerken tun wir das an der Entspannung, an der Erholung, an dem Aufatmen, an dem weicheren Blick, am kohärenten Herzschlag, . . .

All das ist Balsam für unser gereiztes Nervensystem. Beruhigende, schöne Augenblicke wirklich zu genießen. Rick Hansons, ein amerikanischer Neurobiologe nennt diese Übung “Taking into the good”.

Ich glaube, es würde uns allen gut bekommen, inmitten all dieser Katastrophen, ab und zu den Blick auf das Gute zu richten. Das Gute ist auch immer da. Es hilft uns neue Kraft zu schöpfen, um inmitten der Herausforderungen hilfreich sein zu können.

Nur Mut.

 

Eigene Grenzen wahrnehmen und setzen

Grenzen setzen ist für viele Menschen ein wichtiges Thema. Dieses “Stop, hier ist meine Grenze” kommt uns nicht einfach über die Lippen.

Einerseits hat dies mit inneren Ängsten zu tun. Manchmal glauben wir, wir werden abgelehnt oder fallen gelassen, wenn wir die Wünsche und Vorstellungen anderer nicht erfüllen.

Andererseits hat das Grenzen setzen – und das soll heute mein Thema in diesem Blog sein – viel mit der körperlichen Wahrnehmung von Grenzen zu tun.

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Wie wollen wir Grenzen setzen, wenn wir sie weder wahrnehmen, noch spüren können.

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Grenzen werden immer auch körperlich erlebt. In der frühen entwicklung gestalten sich Körpergrenzen über den Kontakt zwischen Mutter und Kind. Schon hier können Mütter oder nahe Bezugspersonen viel dafür tun, dass das Kind im Laufe seiner Entwicklung über das Gefühl von Grenze verfügt.

Überstimulierung zeigen bereits Säuglinge sehr deutlich durch das Abwenden des Kopfes oder des Körpers an. Die Regulation von “zuviel” ,”zu wenig” und Stimmigkeit ist in unserer Biologie angelegt. Erfahren wir als Kind feinfühlige Betreuung entwickeln wir ein Gespür dafür, das uns ein Leben lang begleiten wird und eine gute Basis für unsere Gesundheit und unsere Beziehungsqualitäten darstellt.

Werden die frühen Grenzen im Kontakt nicht geachtet, fällt es uns im späteren Verlauf unserer Entwicklung schwerer die eigenen Grenzen überhaupt wahrzunehmen und damit auch zu setzen. Wir entwicklen eine Tendenz dazu später auch selbst über unsere Grenzen zu gehen.

Deshalb biete ich in meinem Coaching und in meinen Fortbildungen immer wahrnehmungsorientierte Bewegungssequenzen an. Hierbei geht es darum wieder mehr ins Spüren zu kommen, in den Kontakt mit den Signalen des Körpers. Es geht um die Wahrnehmung des Körperinnenraumes.

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Feine Anspannungen, eine flachere Atmung oder Druckgefühle im Hals oder im Bauch machen uns aufmerksam. Achtung, nachspüren.

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Gute Körperwahrnehmungsübungen für die eigenen Grenzen sind der Kontakt zum Boden, das wahrnehmende Abklopfen des Körpers, ebenso wie das Spüren des intimen und persönlichen Raumes.

Mein Vorschlag ist, lassen sie uns weniger darüber reden, wie wir Grenzen formulieren, lassen Sie uns wieder in die Körperwahrnehmung kommen. Der Körper ist ihr “Reich, ihr Zuhause”. Von hier aus bestimmen Sie ihre Grenzen.

Und eine Grenze zu setzen heißt nichts anderes als der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen und dieser ein Ja zu schenken.

Hier ist meine Grenze, wenn ich darüber gehe ist es nicht mehr gut für mich. So ist es, in diesem Moment. Und morgen ist es vielleicht wieder anders, oder in einer halben Stunde.

Die Achtsamkeit ist ausgesprochen hilfreich, wenn es um das Wiederbeleben der eigenen Grenzen geht. Lädt sie uns doch dazu ein, wahrzunehmen was ist, ohne es zu bewerten.

 

Entspann dich mal! Komm runter!

Entspann dich doch mal! Lass doch mal los!

Vielleicht kennen Sie diese oftmals wirklich gut gemeinten Ratschläge aus Ihrem privaten Umfeld. Was aber, wenn es nicht möglich ist?

Entspannung ist das Zauberwort mit dem wir aus dem Stress herausfinden sollen. Stress, gleich welcher Art führt uns immer in die Anspannung, weil er uns in unsere Schutzmechanismen führt. Sprich er bereitet uns auf mögliche Kampf- oder Fluchtreaktionen vor. Und dazu ist die Muskelanspannung wesentliche Voraussetzung.

Der Körper arbeitet also für uns, nicht gegen uns. Denn er antwortet nur auf eine als “gefährlich” wahrgenommene Situation. Unser Nervensstem ist es, das auch aufgrund früherer Erlebnisse entscheidet, was für uns gefährlich und was für uns sicher ist.

Leider lösen ganz viele unserer Alltagsreize unsere Stressreaktion aus und führen uns in die Anspannung. Und Anspannung fühlt sich nicht angenehm an. Wir tragen eine “innere Ladung” mit uns herum.

Bleiben wir über längere Zeit in der Stressreaktion, wie oftmals mitten in einer Krise, bei zu hoher Arbeitsbelastung oder inneren hohen Erwartungen an sich selbst, nehmen wir den Grad unser Anspannung nicht mehr wahr. Wir bemerken langfristig dann körperliche Symptome, wie etwas Verspannungen, Kopfschmerzen oder Rückenprobleme.

Was hilft?

Wenn Sie in hoher Anspannung sind ist es für Sie fast unmöglich von hier auf jetzt in die Entspannung zu kommen. Ihr Nervensystem lässt das nicht zu, da es weiterhin auf Gefahr eingestellt ist. Das erstmal wahrzunehmen ist wesentlich und oftmals schon eine kleine Entlastung.

Ich z. B. bin im Zahnarztstuhl, aufgrund schlechter Erfahrungen, immer erstmal in absoluter Hochspannung. Ich werde fast starr vor Angst. Dementsprechend bleibt mir der Atem fast aus. Mittlerweile habe ich Möglichkeiten zu überprüfen, ob die Meldung -höchste Gefahrenstufe- von meinem Nervensystem der Realität entspricht.

In der Regel gelingt es mir mein Nervensystem zu beruhigen(Selbstregulation). Ich rede ihm und mir gut zu. Lausche auf die freundlichen Worte des Zahnarztes und nehme den warmen Stimmklang wahr. Gleichzeitig visualisiere ich mir meinen Lieblingsbaum auf einer großen Wiese. Mein Nervensystem hält diese visualisierte Situation für sicher, reagiert darauf und fährt meine Anspannung langsam herunter.

Das war, Sie können es sich denken, ein Übungsweg.

Sie können versuchen Kontakt zu Ihrem Körper aufzunehmen und diesem Sicherheitssignale anzubieten:

  • Nehmen Sie zuerst den Boden unter Ihren Füßen wahr. Gehen sie dabei in Bewegung und versuchen sie mal mit den Füßen Schlittschuh zu laufen. Oder Sie machen Schritte und lassen dabei die Füße auf dem Boden. Sie heben sie nicht ab. Wie damals als Kind, als sie Lokomotive gespielt haben.

 

  • Klopfen Sie mit der Hand Ihren Körper ab. Fangen Sie bei den Armen an, gehen sie vorsichtig über die Seiten bis zu den Beinen und Füßen hinunter. Machen Sie zwei bis drei Durchgänge. Danach spüren Sie nach. Hat sich im Körper etwas verändert? Sind Sie vielleicht etwas präsenter geworden.

 

  • Oder Sie stehen mit beiden Füßen auf dem Boden und Schütteln sich langsam aus, in dem sie die Fersen immer wieder etwas, mit weichen Knien, heben und senken.

 

Erstmal geht es nicht darum etwas zu bewirken, sondern wieder etwas empfänglicher für die Sprache des Körpers zu werden. Was tut gut? Wobei fühlt sich mein Körper wohl? Was mag er nicht?

Das allerwichtigste, was ich Ihnen in diesem Beitrag mitgeben möchte ist – Es geht nicht um die Entspannung, die fehlt. Vielmehr geht es um das “Gefühl von Sicherheit”, dass unser Nervensystem braucht, um uns von ganz allein in die Entspannung zu führen.

Manchmal sind die kleinen, unangestrengten Körperübungen, Signale der Sicherheit. Und manchmal braucht es auch andere Signale. Das lässt sich nur individuelle herausfinden.

Grundsätzlich lässt sich sagen, wäre es für uns alle hilfreicher nicht der Entspannung nachzulaufen sondern die Gefühle von Sicherheit zu verstärken.

Der Körper ist uns dabei oftmals ein hilfreicher Begleiter, wenn wir auf die Suche nach unserer gefühlten Sicherheit gehen.

 

 

 

Sorgenfrei Raum

Viele Einrichtungen haben Mitarbeiterräume. In den Schulen gibt es das sogenannte Lehrerzimmer. Viele dieser Räume sind schon ganz gemütlich gestaltet. Und es gibt leckeren Kaffee aus der Kaffeemaschine für das kleine Zwischendurch.

Oftmals sind es aber auch die Räume, die gerne und gut frequentiert werden, um sich auszutauschen, über das ein oder andere Problem und berufliche Anliegen zu sprechen. Gut, dass es diese Räume gibt.

Oft ist es hier sehr laut und wuselig. Oft hat man gerade hier keine Chance wirklich zur Ruhe zu kommen.

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Und genau für dieses Bedürfnis nach Ruhe möchte ich Ihnen einen neuen Raum vorstellen, den “Sorgenfrei Raum”.

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Ein Raum, an dem Mitarbeiter sich im Zwischendurch, in der kleinen oder großen Pause aufhalten können und an dem nicht über Arbeit, nicht über Schüler, Kollegen oder Klienten geredet wird. Der Sorgefrei Raum ist ein Raum zum Aufatmen, zum Auftanken, mitten im Arbeitsalltag.

Das ist es, was wir brauchen. Die kleinen, feinen Pausen zwischendurch, die uns ein wirkliches Innehalten ermöglichen. Die uns den Blick nach Innen ermöglichen.

Und nicht nur das, sondern auch das tiefe Wissen darum, dass wir die Qualität unserer Arbeit und die Qualität unserer Gesundheit nicht nur über neue Methoden, sondern vor allem durch mehr Wohlbefinden und besserer Stressbewältigung verändern können.

Ich höre sie schon, die vielen Einwände: “Das ist nicht möglich. Da haben wir keinen Raum für. Wie soll das gehen?”

Bleiben wir doch erstmal bei der Vorstellung und bei dem inneren Bild.

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Ziele sind gut, wenn sie vorstellbar und erreichbar sind.

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Ein “Sorgenfrei Raum” könnte gestaltet werden mit einem schönen Sessel, in einer hübschen Ecke am Fenster, zum Hinausblicken. Es dürfte einen schönen inspirierenden Sprüchekalender, einen ausgewählen Duft, erfrischende Fotos von Urlaubsorten geben oder eben nur die Einladung zur Stille. Einfach mal nichts – für das kleine Zwischendurch.

Die Neurobiologie als auch die Neuroimmunologie zeigt uns sehr genau auf, was wir Menschen brauchen um gesund, kooperativ und leistungsstark zu bleiben. Und es sind vor allem die Auszeiten mitten im Arbeitsalltag.

Das kurze aber wirksame Ankommen bei sich selbst und damit eine Möglichkeit mit dem Nervensystem vom Sympatikus auf den Vagus, den “Ruhenerv” zu wechseln.

Und es wird Zeit, Arbeitsplätze dementsprechend menschlich zu gestalten. Wir brauchen Orte, an denen wir immer wieder zu unserer Lebenskraft zurückfinden und an denen wir wieder zu unseren besten Qualitäten zurückfinden können.

Von da aus geht´s los. Von da aus geht´s weiter.

 

 

Haben wir auf der Arbeit eine Seele?

Schnell, besser heute als morgen. Noch mehr Arbeit in noch kürzerer Zeit. noch weniger Mitarbeiter. Oftmals wird es richtig eng.

Angespannt, gestresst und oftmals unruhig arbeiten wir so vor uns hin, leben wir unser Leben. Und gönnen uns immer weniger Zeit.

Es gibt kaum Momente, in denen nichts geschieht, in denen Ruhe eintritt, in denen wir uns Raum lassen, um einfach mal nur zu atmen. Wir gönnen uns diese Zeiten kaum außerhalb der Arbeitswelt, aber schon gar nicht inmitten unserer Arbeitswelt.

In meinen Fortbildungen für Pädagogen höre ich oft: Wie soll das gehen? Wo soll ich diese Zeit hernehmen? Ich kann mir einfach keine kleine Auszeit gönnen.

Aber wie soll das gehen, gerade in sozialen, medizinischen oder pädagogischen Kontexten. Wie wollen wir wirklich mit Herz und Seele da sein für andere Menschen, wenn wir uns selbst abhanden kommen. Wie wollen wir ohne innere Anwesenheit heilsam oder förderlich für andere Menschen sein?

Aber das Leben zeigt, es geht. Irgendwie und mit immer größeren Reibungsverlusten.

Wenn wir unserer Seele nicht genügend Zeit lassen, macht sie sich oftmals bemerkbar. Häufig schickt sie den Körper voran. Hier ein Ziehen, da ein Schmerz. Der Rücken, der Kopf oder auch seit langem schon der Magen.

Hören wir hin. Hören wir uns selber zu. Nehmen wir wieder Kontakt zu unserem Inneren auf.

 

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Die Seele muss verdauen können. Dazu brauchen wir ungestörte Zeiten.

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Nicht erst nach der Arbeit, sondern mitten drin. Immer mal zwischendurch. Das ist gerade in den oben genannten Arbeitsbereichen wichtig, weil dort oftmals sehr resonanzfähige Menschen arbeiten. Menschen, die ganz viel Schicksal von den ihnen anvertrauten Menschen mitbekommen. Das will verarbeitet und wirklich verdaut werden.

Schaffen wir Arbeitswelten, die uns Zeiträume lassen, die uns Atemräume lassen.

Schaffen wir auch innere Instanzen in uns, die uns wohlwollender zusprechen:

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“Mach doch langsam. Lass dir Zeit. Du darfst die Dinge ruhiger angehen. Werde ruhiger. Werde wesentlicher.”

(M. Titschinger, Auf die Seele hören)

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Schon beim Lesen der Sätze bemerke ich, wie sich mein Körper entspannt und meine Seele sich im Hintergrund die Hände vor Freude reibt.

So könnte es gehen. So könnte es gut gehen. Lassen Sie uns unsere inneren und unsere äußeren Arbeitswelten neu gestalten.

Passender. Gesünder. Menschlicher.

 

 

 

Sicherheit in uns finden

“Earth will be safe, when we feel in us enough safety.” Thich Nhat Hanh

Das ist das Zitat, das mir begegnet ist und mich zum Schreiben des neuen Beitrages bewogen hat.

In meinen Worten würde ich sagen, es beginnt immer mit uns. Mit jedem Einzelnen. Wir können auf die anderen mit dem Zeigefinger zeigen, oder wir nehmen es zurück zu uns und beginnen für Ruhe, Verbindung und Frieden in uns selbst zu sorgen. Und stecken andere sozusagen mit diesem Frieden an.

Es begeistert mich sehr, dass die Achtsamkeitslehren, hier durch das Zitat von Thich Nhat Hanh, schon immer auf das hingewiesen haben, was uns heute die wissenschaftlichen Untersuchungen in den Neurowissenschaften belegen. Unsere innere Biologie ist auf Mitgefühl und Kooperation angelegt.

Mir ist in den letzten Jahren, seit der Begegnung mit der Polyvagal Theorie des Neurowissenschaftlers Prof.Dr. Stephen Porges, “das Gefühl von Sicherheit” im Miteinander immer wesentlicher geworden. Stephen Porges schreibt dazu:

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“Wenn du die Welt verbessern möchtest, schenke den Menschen ein Gefühl von Sicherheit.”

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Jetzt ist die berechtigte Frage, wie machen wir das?

 

Gesundheitselixier Beziehung

Wenn es um Gesundheit geht beschäftigen wir uns nach wie vor mit den Themen Ernährung und Fitness. Leider lassen wir einen übergeordneten Schlüsselfaktor,  der über die gesamte Lebensspanne hinweg über Gesundheit und Krankheit entscheidet, außer acht:

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Die Beziehungen zwischen Menschen und die Art und Weise wie zwischenmenschliche Kontakte gelebt und erlebt werden.

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Was mühen wir uns ab, wenn es um unsere Fitness geht, wenn es um Muskelaufbau und Kardio-Training geht. Was lassen wir uns nicht alles einfallen, um uns noch gesünder zu ernähren.

Seien wir mal ehrlich, wenn es um die Frage geht, welche Qualitäten es bräuchte, um gelingende Beziehungen zu leben oder besonders in beruflichen Kontexten eine gesunde Beziehungskultur aufzubauen, sind wir doch ziemlich unterbesetzt.

Wir können unsere Herzen nicht nur durch Kardio Training stärken, sondern auch durch die Bereitschaft zur gemeinsamen Freude, zum Berührt- und Bewegt werden. Eine Art inneres Kardio Training. Was bewegt mich innerlich? Was öffnet mein Herz? Und wie schenke ich mir innere Wärme?

Die Beziehung als Schlüsselfaktor für Gesundheit ist allerdings nicht zu verachten:

EPIDEMIOLOGISCHE STUDIEN LASSEN DAVON AUSGEHEN, dass die Einbettung in familiäre, soziokulturelle und spirituell-religiöse Kontexte die durchschnittliche Lebenserwartung um bis zu 20 Jahre ansteigen lässt. Sogenannte »Caregiver«, die jahrelang unter emotional belastenden Bedingungen einen chronisch schwer kranken Angehörigen pflegen, weisen einschlägigen Studien zufolge eine bis zu 20 Jahre geringere Lebenserwartung auf.”

aus www.psychoneuroimmunologiekongress.at / 3. PNI Kongress – Psychoneuroimmunolgie im Lauf des Lebens

Die Studien belegen, hier muss ein gewichtiger Faktor am Werk sein, wenn es um Antworten auf die Frage geht, wovon gesundes Leben abhängt. In den vielen unterschiedlichen Untersuchungen wird immer deutlicher, dass Beziehungen wirken. Dass menschliche Interaktionen nicht nur psychische, sondern auch physiologische Reaktionen auslösen.

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In meinen Fortbildungen, sage ich nach einem wertschätzenden Miteinander oft zum Spaß:

“Zack, das war Medizin.”

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So schnell und so einfach ist es denn doch nicht. Aber wir sind soweit, dass wir gute, unterstützende und wertschätzende Beziehungen als wirkliches Gesundheitselixier bezeichnen dürfen.

Ich habe lange Jahre im Bereich der Beratung von sexualisierter Gewalt gearbeitet. Und wir wissen mittlerweile alle, dass Gewalt krank macht. Jetzt ist es an der Zeit, ganz genau zu schauen, was im Miteinander gesund macht.

Welche Qualitäten müssen Beziehungsangebote, auch im beruflichen Kontext haben, um unser Nerven und auch unser Immunsystem zu stärken?

Und lassen Sie uns den Blick weiten und schauen, wovon beide Seiten, in pädagogischen und psychosozialen oder medizinischen Kontexten, provitieren.

Wenn wir helfende Arbeit derart beschleunigen, wie wir es derzeit tun, müssen wir uns über Erschöpfungsphänomene nicht wundern. Schauen wir uns an, was an Beziehung wirkt, so ist es die gelingene Interaktion, das – Gesehen, Gehört und Gespürt werden. Und das gilt für beide Seiten. Für Hilfesuchende und für Helfer, Berater oder Pädagogen.

Helfer, Pfleger, Ärzte und Pädagogen sind in der Regel Menschen, die gerne geben. Was Sie neben einer guten Resilienz brauchen sind Arbeitsstrukturen, die ihnen Zeit lassen für menschliche Interaktionen. Zeit, um aus dem Funktionsmodus aussteigen zu können und offen  für Menschliches zu sein.

Zeit, um das Miteinander wirklich wahrzunehmen. Zeit für Gespräche. Zeit um feinfühlig zu bleiben. Und auch Zeit um die Dankbarkeit zu kosten. Das ist es, was helfende Arbeit auch ausmacht. Das ist das Gesundheitselixier Beziehung für helfende Berufsgruppen.

Jetzt, inmitten der Pandemie ist vieles von dem nicht möglich. Aber Corona zeigt uns, wie nichts anderes, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind. Mein Atem ist dein Atem.

Darüberhinaus weist uns Corona auf unsere Schwachstellen. Die Pandemie zeigt uns unerbittlich, wo wir die Wege der Menschlichkeit verlassen, wo wir Menschen, Tiere und Natur ausbeuten und wie hoch der Preis dafür ist.

Was wenn wir nicht kostenorientiert, sondern beziehungsorientiert denken, fühlen und planen würden? Vermutlich würden die Kosten in dem einen Teil des Gesundheitswesens steigen und seien Sie sich gewiss, es gebe im Bereich der Erschöpfung, der Depressionen, der Herz-Kreislauf Erkrankungen deutliche Einsparungen.

All das ist der Hintergrund meiner Angebote. All das ist der Hintergund von ” beziehungs-weise-gesund”. Ich finde, wir Menschen haben ein Recht auf dieses wertvolle Wissen zum Thema Gesundheit.